Erst belächelt, heute unsterblich: Van Goghs „Sternennacht“
Als Vincent van Gogh 1889 die „Sternennacht“ malte, ahnte er nicht, dass sie einmal weltberühmt werden würde. Zu Lebzeiten verkaufte er kaum ein Bild. Kolumnistin Paulina Voggetzer erzählt im KUCK-Magazin, wie schwer es ist, anders zu sein als der Standard.
Ein gutes Beispiel für Originalität hängt in unserem Wohnzimmer an der Wand. Es ist eine Kopie von Vincent van Goghs „Sternennacht“. Das Original ist heute unter dem Titel „Starry Night“ in New York ausgestellt. Hunderte von Besuchern laufen täglich daran vorbei. Doch als Van Gogh das Bild im Juni 1889 malte, konnte er nicht ahnen, dass es einmal seinen Weg in eines der berühmtesten Museen der Welt finden würde.
Das Gemälde zeigt ein kleines, idyllisches Dorf, über dem ein nachtblauer, bewegter Himmel mit zahlreichen, phantasievollen Sternen hängt. Van Gogh schreibt in einem Brief: „Oft erscheint mir die Nacht viel lebendiger und farbenfroher als der Tag.“ Tatsächlich erzählt das Bild von all den Gedanken und Gefühlen, den Höhen und Tiefen, die einem in manchen Nächten begegnen. Auf geheimnisvolle Art lädt das Bild zum Träumen ein. Geht man näher heran und stellt sich nur wenige Zentimeter vor das Gemälde, fällt sofort Van Goghs ganz eigener Stil auf. Die Farben sind extrem dick und unverdünnt aufgetragen. Die Pinselstriche sind plastisch sichtbar. Man kann sich gut vorstellen, wie der Maler bei der Arbeit saß, mit welcher fieberhaften Leidenschaft er die Farben aussuchte, zusammenmischte und auftrug. Eine wenig gesicherte, aber originelle Anekdote besagt, dass der Künstler seine Werke der Nacht auch tatsächlich draußen malte und Kerzen an der Krempe seines Strohhuts befestigte.
Als Van Gogh die Arbeit an der „Sternennacht“ beendet hatte, kam das Bild zu den restlichen rund 1800 anderen Werken, die er zeit seines Lebens schuf. Verkaufen konnte er damals so gut wie keines davon. Den Impressionisten war seine Art zu malen zu symbolisch und realitätsfern. Und die Expressionisten, für die Van Gogh heute als Wegbereiter gilt, gab es damals noch nicht. In dem Lied „Vincent“, bekannt auch unter dem Namen „Starry starry night“, besingt Don McLean den wohl berühmtesten Künstler aller modernen Maler, dessen Bilder zu originell für seine Zeit waren. Van Gogh stirbt am Ende seiner Tage krank, arm und bis zuletzt von den meisten Zeitgenossen unverstanden. Bereits 15 Jahre nach seinem Tod erzielen seine Gemälde beträchtliche Beträge.
Originalität bezeichnet die Eigenschaft, dass etwas besonders und ungewöhnlich ist. Van Goghs Geschichte zeigt auf tragische Art und Weise, dass es oft nicht leicht ist, etwas anders zu machen als die anderen. Über das Besondere und Ungewöhnliche ist schnell ein vernichtendes Urteil ausgesprochen. Gleichzeitig erzählt Van Goghs Geschichte aber auch, welches Potenzial in der Originalität steckt. Vielleicht ist es auch das, was heute so viele Menschen an der „Sternennacht“ anspricht. Das Bild zeigt viel mehr als nur eine gewöhnliche Nacht von vielen. Es erzählt von all dem Besonderen, Ungewöhnlichen, Wunderbaren, das einem überall fernab von ausgetretenen Pfaden begegnet.
Neugierig geworden? Diese Kolumne stammt aus dem aktuellen KUCK-Magazin 63. Dort finden Sie noch mehr inspirierende und zum Nachdenken anregende Beiträge.