"Es gibt nichts Schöneres, als Geschichten von Menschen zu erzählen"

Rainer Wälde ist Filmemacher und hat in den letzten Jahren mehr als 200 Reisereportagen und zahlreiche Dokumentarfilme gedreht. Einige davon laufen regelmäßig auf KIK-TV. Wir haben mit dem Programmpartner des KLINIK INFO KANALs über das Unterwegssein gesprochen.

Schon früh faszinierten Rainer Wälde die Comics von Tim und Struppi. Lange Zeit wusste er gar nicht, warum er Fan davon war. Erst als Erwachsener merkte er, dass Tim Journalist gewesen ist, der um die ganze Welt gereist ist, um irgendwelche Abenteuer und Rätsel zu lösen. Ein Abenteurer scheint also schon von Kindesbeinen an in ihm zu stecken. Als Kind wollte Rainer Wälde beim Radio arbeiten und Hörspiele machen. Eine seiner ersten Amtshandlungen nach dem Studium war dann auch die Imitation einer Tierstimme in einem Hörspiel. Heute ist er Filmemacher, Moderator und Berater. Ein Auszug aus dem Interview im KUCK-Magazin 49.

Herr Wälde, Sie sind Journalist, produzieren Filme, waren für NBC Super Channel, das niederländische Fernsehen EO, den MDR und RTL tätig und haben eine eigene Firma, in welcher Sie Unternehmer coachen. Was ist dabei Ihre größte Leidenschaft?

Filme machen. Es gibt nichts Schöneres, als die Geschichte von Menschen zu erzählen und sie zu porträtieren, also in sechzig Minuten ein Leben zu dokumentieren. Ein kleines Beispiel: Ich produzierte einen Film über Bruder Klaus (Niklaus von Flüe, Anm. der Red.): Dieser Patron der Schweiz aus dem 15. Jahrhundert, der mit fünfzig Jahren ausgezogen ist, seine Familie mit zehn Kindern verlassen hat und als Einsiedler in den Wald gezogen ist. So einen Mann zu verstehen, das hat mich Monate gekostet. Ich habe viel mit Menschen darüber gesprochen und mir immer wieder die Frage gestellt, wie ein Mann mit fünfzig seine Familie verlassen und Einsiedler werden kann. Das habe ich nicht kapiert und ich war richtig grummelig auf diesen Mann. Bei der Beschäftigung mit dem Thema habe ich aber gemerkt, dass da eine unheimliche Kraft drinsteckt. Denn A waren die Söhne schon so alt, dass sie den Hof übernehmen und die Familie versorgen konnten, und B war das Teil seiner Berufung. Später hat er als Einsiedler einen Religionskrieg in der Schweiz geschlichtet, zwischen den protestantischen und den katholischen Heeren. Man hat ihn als Streitschlichter um Rat gefragt.

Filmdreh "Schweizer Lichtgestalten"
Filmdreh "Schweizer Lichtgestalten" © Rainer Wälde Media

Wenn er nicht Einsiedler geworden wäre, diese Sonderrolle in der Gesellschaft gehabt hätte, wäre er auch nicht in diese Position gekommen. So hat sich dann aus meiner anfänglichen Skepsis eine enorme Sympathie für den Mann und seine Geschichte entwickelt. Und das finde ich spannend. Da reicht mein Leben nicht aus. Da gibt es noch so viele spannende Geschichten zu entdecken, die werde ich alle leider nicht verfilmen können.

Gibt es ein Kriterium, nach dem Sie entscheiden, ob Sie einen Film machen oder nicht?

Ich bekomme immer wieder Anfragen, ich solle mal über Hildegard von Bingen einen Film machen oder über diese oder jene Person. Aber mein Motto ist: Wenn es über diese Persönlichkeit bereits einen Film gibt, dann mache ich es nicht. Jeder Film kostet ja ein Lebensjahr – also, ich arbeite an einem Film von Januar mit Drehbuchentwicklung bis Dezember, bis er dann geschnitten und vertont und fertig ist. Und wenn ich ein Lebensjahr für sechzig Minuten investiere, dann muss es das wirklich wert sein, ein Lebensjahr zu investieren. Wenn ein Kollege dafür schon ein Lebensjahr investiert hat, dann finde ich, ist es auch immer Respekt vor dessen Lebensleistung. Es gibt nämlich noch Hunderttausende von anderen Themen, die noch nicht verfilmt wurden.

Welche Reisereportage ist Ihr Favorit und weshalb?

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist eigentlich die von den Walfängern in Australien. Da war ich auf einer Australienreise unterwegs zu einer spannenden Geschichte und kam dann in die alte Walfängerstation von Albany. Und das Einzige, was ich in dieser Walfängerstation gefunden habe, war ein altes Schwarz-Weiß-Foto von diesen Walfängern. Unten am Bild standen die Namen von Bazil und seinen Kollegen. Und dann habe ich quasi aus diesem Foto und den Namen eine ganze Geschichte über den Walfang entwickelt und eine Zeitreise zurück in die 60er-Jahre gemacht, als sie noch an der australischen Westküste aktiv waren. Das finde ich eine sehr schöne Geschichte: Aus relativ wenig etwas zu machen, was stimmt und was diese Historie von damals auch widerspiegelt.

Was fasziniert Sie am Reisen?

Menschen zu begegnen. Ich bin unglaublich neugierig auf Menschen in unterschiedlichen Kulturen: Was glauben sie, wovor haben sie Angst, womit verdienen sie ihren Lebensunterhalt? Gerade in den Ländern der dritten, vierten und fünften Welt ist das eine große Herausforderung. Ich erinnere mich noch, ich war mit meiner Frau auf einer Filmreise in Accra, an der Küste von Afrika. Wir haben dort einen Schuhmacher besucht, der sich quasi mitten in einem Slum mit einem kleinen Mikrokredit von fünfzig Dollar selbstständig gemacht hat. Er hat uns ganz stolz seine Lederreste gezeigt und wie er jetzt aus dem Leder Sandalen macht. Mit diesem Kleinkredit hat er sich sogar einen Schaukasten in der Größe eines Waschkorbs mit seinen Sandalen vor seine Elendsbaracke gestellt. Diese Geschichte zu erzählen – wie er jetzt mit seinen Einnahmen davon träumt, so richtige Männer-Lederschuhe zu machen, wenn er genügend Geld zusammen hat –, das finde ich sehr berührend.

"Abenteuer Arktis"
"Abenteuer Arktis" © Rainer Wälde Media

Das ausführliche Interview ist in der KUCK-Ausgabe Nr. 49 zu lesen oder kann hier direkt heruntergeladen werden.

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