Heilende Stille – Wie Klöster Medizingeschichte schrieben

Klöster waren nicht nur Orte der Andacht, sondern auch Zentren des Wissens. Von der antiken Vier-Säfte-Lehre bis hin zu Hildegard von Bingen prägte die Klostermedizin Europas Heilkunst. Ein Streifzug durch die Geschichte der Klostermedizin, deren Wirkung bis heute spürbar geblieben ist. Ein Beitrag aus dem KUCK-Magazin.

© ManuelHurtado / stock.adobe.com
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Wer schon einmal eine mittelalterliche Klosteranlage besucht hat, kennt die besondere Atmosphäre dieser Orte: Die alten Gemäuer mit ihren eindrucksvollen Kreuzgängen atmen noch heute den Geist stiller Andacht. In den Wandelgängen fühlt man sich beinahe selbst wie ein Mönch oder eine Nonne, versunken in Meditation und Gebet – und spürt eine Stille, die heilsam und inspirierend zugleich wirkt. Da wundert es nicht, dass Klöster auch für die Entwicklung medizinischen Wissens eine bedeutende Rolle spielten. Davon zeugen auch die liebevoll angelegten Klostergärten, in denen neben Bienen und Hummeln auch interessierte Besucher nach besonderen Heilpflanzen Ausschau halten. Doch was genau verbirgt sich hinter der sogenannten „Klostermedizin“? Wo liegen ihre Wurzeln – und wie hat sie sich im Lauf der Geschichte entwickelt?

Schreibender Mönch © HollandPhotostock.nl / stock.adobe.com
Schreibender Mönch © HollandPhotostock.nl / stock.adobe.com

Orte des Wissens

Auch wenn sie mit ihren mächtigen Mauern heute noch Kraft und Uneinnehmbarkeit ausstrahlen, so waren nicht die Burgen des mittelalterlichen Adels die Zentren der Macht, sondern die geheimnisvollen Klöster. Hier verschwammen die Grenzen zwischen irdischem und himmlischem Leben, hier sammelte sich aber auch das Wissen der damals bekannten Welt. Während ein Gros der mittelalterlichen Gesellschaft den „illiterati“, den Schreibunkundigen, angehörte, waren es die Geistlichen, die als „literati“ den reichen Erfahrungsschatz in Wort und Schrift hüteten. Dabei konzentrierte sich der Bestand bei weitem nicht nur auf die geistliche Literatur, sondern beispielsweise auch auf die Klostermedizin, die heutzutage vor allem mit dem Namen Hildegard von Bingen in Verbindung gebracht wird.

Benedikt von Nursia © Inkling Design / stock.adobe.com
Benedikt von Nursia © Inkling Design / stock.adobe.com

Vier Säfte im harmonischen Gleichgewicht

Begibt man sich auf Spurensuche nach den Anfängen der Klostermedizin, führt die Reise allerdings deutlich weiter zurück als ins Mittelalter. So liegen die Wurzeln der klösterlichen Heilkunst in der ausgehenden Antike und der Ordensregel des Heiligen Benedikt von Nursia. Geboren wurde er um das Jahr 480 in Perugia, am 21. März 547 starb er auf dem Monte Cassino, auf dem er zu Lebzeiten ein Kloster gegründet hatte, das als Mutterkloster des bekannten Benediktinerordens angesehen wird. Die benediktinische Ordensregel, die das abendländische Mönchtum entscheidend prägte und auf einer Halt gebenden Gemeinschaft beruht, wird auch als Ausgangspunkt der Klostermedizin gesehen. Dabei rückt die antike Vier-Säfte-Lehre, die „Humoralpathologie“, in den Fokus, die von den Mönchen und Nonnen in den Klöstern übernommen wurde. Hier bilden die vier Elemente Luft, Feuer, Wasser und Erde die kleinsten Einheiten der physischen Welt, ihnen entsprechen jeweils vier Säfte im menschlichen Körper, wobei jeder Saft (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) zudem einem Organ zugeordnet ist: So steht beispielsweise die Luft für das Blut, das wiederum mit dem Herzen in Verbindung gebracht wird. Zusätzlich werden Organen, Körpersäften und Elementen jeweils zwei von vier Primärqualitäten (heiß, kalt, feucht und trocken) zugewiesen, so sind Herz, Luft und Blut beispielsweise feucht und heiß. Als gesund gilt ein Körper dann, wenn sich die vier Säfte in einem harmonischen Gleichgewicht befinden. Ist jedoch ein Saft im Überfluss vorhanden, vermag dieser eine Krankheit zu verursachen, die seiner jeweiligen Qualität entspricht. Bei einer feuchten und kalten Krankheit wurden so zum Beispiel wärmende und trocknende Mittel, wie etwa Thymian und Melisse, verabreicht.

Hildegard von Bingen auf einer Gedenkbriefmarke und eine Seite aus ihrem "Liber Divinorum Operum"
Hildegard von Bingen und eine Seite aus ihrem "Liber Divinorum Operum" (12. Jh.) © laufer / stock.adobe.com; http://conservation.catholic.org/Hildegard-von-Bingen.jpg (WikiCommons, Mladifilozof )

Hildegard von Bingen – Begründerin der Volksmedizin

Während Benedikt von Nursia an der Schwelle zum Frühmittelalter lebte, entstanden die wohl wichtigsten Schriften der Klostermedizin im Hochmittelalter rund um das 11. und 12. Jahrhundert. Zu dieser Zeit florierte das Rittertum, im Heiligen Land fanden die Kreuzzüge statt und Werke, die bis heute von unschätzbarem literarischem Wert sind, wurden für die Nachwelt in den klösterlichen Schreibstuben festgehalten. So fand das weltbekannte, in tausenden von Versen gereimte Nibelungenlied seine Niederschrift und nicht zuletzt erblickte die spätere Benediktinerin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen 1098 das Licht der Welt. Die Klosteräbtissin hinterließ der Nachwelt verschiedene Schriften, die sich mit Religion, Ethik, Musik, aber auch der Medizin befassen. Dabei berichtete sie immer wieder auch von göttlichen Visionen. In „Physica“, einem der bekanntesten Werke der Hildegard von Bingen, werden die Heilmittel in Form von neun Büchern behandelt. Dabei geht Hildegard auch auf eine ausführliche Darstellung der Kräuter ein und beschreibt ganze 230 Arten. Manch eine wird dabei erstmals als Arzneipflanze aufgeführt, wie etwa die Calendula officinalis, die Ringelblume, mit ihrer entzündungshemmenden und wundheilungsfördernden Wirkung. Nicht zuletzt kombinierte Hildegard von Bingen das volkstümliche Heilkräuterwissen mit der medizinischen Tradition ihrer Zeit und konnte so eine neue Volksmedizin begründen.

Verbreitung fand das Wissen um die Heilkräfte der Pflanzen schließlich vor allem im 13. und 14. Jahrhundert durch die sogenannten „Enzyklopädisten“. Diese setzten sich hauptsächlich aus Mitgliedern des gelehrten Dominikanerordens zusammen und arbeiteten auf das Ziel hin, das gesamte, in Europa verfügbare Wissen ihrer Zeit in Enzyklopädien zugänglich zu machen. Somit wurden auch die Pflanzen unter ihrem heilkundlichen Aspekt aufgeführt.

Moderne Pflanzenheilkunde und Kräuterpädagogik © tunedin / stock.adobe.com
Moderne Pflanzenheilkunde und Kräuterpädagogik © tunedin / stock.adobe.com

Aufkommen der universitären Medizin

Obwohl die Epoche der Klostermedizin im Spätmittelalter ihrem Ende entgegensteuerte, engagierten sich die Mönche und Nonnen weiterhin im medizinischen Bereich. Konkurrenz bekamen sie durch eine wachsende Anzahl an Ärzten, die die neu gegründeten Universitäten besuchten, sowie die Wundärzte, die ihre Ausbildung in Form einer Meisterlehre erhalten hatten, ähnlich wie die sogenannten „Bader“. Erst mit dem Übergang des Mittelalters zur Neuzeit wurden die klösterlichen Spitäler geschlossen, zuvor pflegten sie Kranke zumeist entlang der Pilgerwege nach Rom und Santiago de Compostela.

In Vergessenheit geriet das Wissen der Mönche und Nonnen jedoch nie. So rücken beispielsweise die Aufzeichnungen der 2012 heiliggesprochenen Hildegard von Bingen wieder vermehrt ins Bewusstsein, seit der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ alljährlich seit 1999 die Arzneipflanze des Jahres kürt. Gegenwärtig wurde diese Ehre der Gemeinen Schafgarbe zuteil, die bei Verdauungsbeschwerden ebenso eingesetzt werden kann wie bei Menstruationskrämpfen und zur äußerlichen Behandlung kleiner, oberflächlicher Wunden.

Wer heute durch die stillen Kreuzgänge eines Klosters wandelt oder in einem Klostergarten nach heilenden Pflanzen Ausschau hält, begegnet also nicht nur der Geschichte, sondern auch einem tief verwurzelten Wissen um Gesundheit und Heilung. Die Stille, die einst Mönche und Nonnen umgab, war nicht leer – sie war erfüllt von Beobachtung, Erkenntnis und Erfahrung. Und manches davon klingt bis heute nach.

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