„Heimat ist Vertrautheit“

In einer Welt, die durch den digitalen Fortschritt und die Globalisierung zunehmend ungewiss ist, sucht der Mensch nach Orten, wo er sich zu Hause fühlt – das sagt der Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid. Die KUCK-Redaktion hat sich mit ihm über den Begriff "Heimat" unterhalten.

© Wilhelm Schmid / privat
© Wilhelm Schmid / privat

Herr Schmid, wie lange dauert es Ihrer Meinung nach, bis man sich an einem Ort heimisch fühlt?

Zwei Tage bis zwei Jahre ((lacht)). In Berlin gilt die unausgesprochene Formel: Wenn du eine Nacht bleiben willst und tatsächlich bleibst, bist du schon Berliner. Das passiert einem in keiner anderen Stadt, jedenfalls in keiner, die ich kenne. Dort muss man dann schon in der zweiten Generation sein, dass man einer ist, der da hingehört …

In menschlichen Beziehungen ist das ja gar nicht so viel anders: Bei manchen erlebt man sofort Heimat, fühlt sich angenommen und angekommen, während es bei anderen Begegnungen Zeit braucht, dass Heimat entstehen kann. Ist es aus Ihrer Sicht möglich, selbst aktiv dazu beizutragen, Heimat im Miteinander zu gestalten?

Ich bin ja nun viel unterwegs. Meine Vorgehensweise ist die: Wenn ich an einem Ort ankomme, an dem ich ganz fremd bin, gucke ich sehr rasch – vielleicht sogar schon am ersten Abend –, dass ich mit den Menschen möglichst schnell ins Gespräch komme. Dann hab ich am nächsten Morgen bereits das Gefühl, nicht mehr völlig fremd zu sein. Ich kann diesen Menschen ansprechen, dieser erkennt mich wieder und wenn es ein nettes Gespräch ist, gibt es vielleicht ein Lächeln und das macht schon ein erstes leichtes Heimatgefühl aus. Heimat ist, wenn ich mich nicht mehr fremd fühle. Heimat ist Vertrautheit.

© Fotos 593 / stock.adobe.com
Die eigene geistige Heimat pflegen © Fotos 593 / stock.adobe.com

Diese Vertrautheit kann auch verloren gehen. Das ist dann gewissermaßen ein Heimatverlust …

Gerade heute hat mir jemand erzählt, dass seine Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Baltikum zugewandert sind und damit einen Heimatverlust erlitten haben. Denn dort war ihre angestammte Heimat über viele Generationen hinweg. Und auch wenn sie Deutsch gesprochen haben, waren sie hier in Deutschland dennoch fremd. Das ist ein Heimatverlust, der sich ebenfalls nicht mehr so schnell heilen lässt. Da würde ich sehr dafür plädieren, es niemals bei nur einer Heimat zu belassen. Wir brauchen immer mehrere Heimaten. Ich hab dann im Gespräch angemerkt, dass die beiden doch immerhin beieinander beheimatet seien … Das war meinem Gegenüber noch gar nicht aufgefallen: Stimmt! Sie fühlten sich in Deutschland nicht völlig fremd, weil sie untereinander vertraut waren! Das ist also eine Heimat, die dableiben kann, auch wenn wir einen örtlichen Heimatverlust erleiden. Fast wie eine Art Medizin. Solche Heimatverluste ausgleichen kann man beispielsweise auch, indem man geistige Heimat pflegt. Also entsprechende Buchlektüre hat, die einem vertraut ist, und natürlich den Umgang mit Menschen sucht, bei denen man sich zu Hause fühlen kann. Dann lässt sich ein örtlicher Verlust verschmerzen, und vielleicht sogar ein Beziehungsverlust.

Viele Geflüchtete zieht es wieder zurück in ihr Heimatland, auch wenn dort alles in Trümmern liegt, ihre Familien zerrissen wurden, Armut herrscht und sie letztendlich nur noch Erinnerungen an diesen Ort binden. Warum bleiben manche nicht hier, wo es ihnen aus unserer Sicht besser geht?

Hier müssen sie erklären: Warum bist du hier? Und dort müssen sie nichts erklären. Es ist klar, dass sie dort hingehören. Das ist der sehr große Unterschied. Das können vermutlich sogar viele von uns gut nachvollziehen durch die Erfahrungen im vergangenen Februar, März, als die Corona-Pandemie ausbrach und manche zu diesem Zeitpunkt in einem fremden Land waren. Von Stund an mussten wir erklären, warum wir dort waren und was wir dort machten. Sind wir nach Hause geflogen, mussten wir das nicht erklären. Hier ist unser Heimatland. Das ist der elementare Unterschied, den man erst einzuschätzen lernt, wenn man ihn auf vergleichsweise harmlose Weise selbst erlebt. Bei der kompletten Flucht aus einem Land ist das natürlich umso gravierender.

Das heißt, dass uns in der Corona-Krise noch einmal mehr bewusst wurde, was unsere eigentliche Heimat ist?

Ja, natürlich. Wo wollten denn auf einmal alle hin, die unterwegs waren auf der ganzen Welt? Die wollten in ihre Heimat zurück! Und Gott sei Dank leben wir in einem Land, das Flugzeuge schicken kann und Hunderttausende wieder nach Hause zurückholt …

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Wilhelm Schmids Lieblings-Verweilheimat: der Berliner Wannsee © Sina Ettmer / stock.adobe.com

Als ich ihr Buch gelesen hab, hat mich vor allem das, was Sie unter "Verweilheimat" oder auch "Augenblicksheimat" beschreiben, beeindruckt. Was meinen Sie damit, erklären Sie es unseren Lesern?

Wenn ich mir am Berliner Wannsee einen Espresso geholt habe – möglicherweise mit einer Rosinenschnecke – und mich dort auf eine Parkbank setze, dann bin ich da komplett beheimatet. Sei es für fünf Minuten oder auch mal für eine halbe oder sogar ganze Stunde, viel länger nicht, aber das ist dann in dem Moment meine Heimat! Dieser wunderbare Kaffee in der Hand, in die Luft gucken, die Wasserfläche beobachten und zur Ruhe kommen, das verstehe ich unter Augenblicksheimat. In dem Moment bin ich mit diesem Ort, der mir gefällt, vollkommen vertraut. Und auch wenn ich dort nur einen Augenblick bin, ist er eine große Regenerationsquelle für mich.

Neugierig geworden? Der vollständige Beitrag samt Interview ist nachzulesen im KUCK-Magazin Ausgabe 54 oder kann hier direkt heruntergeladen werden.

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