„Stille ist ein schönes Geräusch“ – Regisseurin Nathalie Lamb im Interview
Was bedeutet es, nicht hören zu können – und was kann Stille über das Leben erzählen? Regisseurin Nathalie Lamb spricht im Interview über ihren einfühlsamen Dokumentarfilm "Stille ist ein schönes Geräusch" und ihre ganz persönliche Verbindung zum Thema.
Wie lebt es sich ohne Gehör? Was bedeutet es, von Geburt an oder durch plötzlichen Verlust nicht hören zu können? Der vielfach gelobte Dokumentarfilm "Stille ist ein schönes Geräusch", der aktuell auf KIK-TV zu sehen ist, gibt in eindrucksvollen Bildern Einblick in das Leben von sechs gehörlosen Menschen – Anton, Kallen Pina, Romeo, Tamia und Zrinka –, deren Wege so individuell sind wie ihre Wahrnehmung der Welt. Ihre Geschichten berühren und faszinieren zugleich.
Regisseurin Nathalie Lamb erzählt darin nicht nur von medizinischen Möglichkeiten wie dem Cochlea-Implantat, sondern auch von Identität, Teilhabe und der Kraft der Gebärdensprache. Im Interview mit dem KUCK-Magazin berichtet sie von ihrer persönlichen Motivation, dem sensiblen Drehprozess – und davon, wie sich ihr Blick auf Stille verändert hat.
„Stille macht sensibel für Kleinigkeiten“
Frau Lamb, wie kamen Sie eigentlich darauf, einen Film über Gehörlosigkeit zu drehen? Das ist ja kein alltägliches Thema. Was hat Sie dazu bewogen?
Das Ganze entstand im Rahmen meines Studiums an der Filmakademie. Ich hatte die Aufgabe, einen Kurzfilm zu entwickeln – und da war sofort klar: Ich möchte mich einem Thema widmen, das mich persönlich bewegt. Meine Schwester ist gehörlos. Und immer, wenn ich von ihr erzählt habe, kamen dieselben Fragen: „Könnt ihr Gebärdensprache?“, „Wie kommuniziert ihr miteinander?“
Ich habe dann erzählt, dass sie ein Cochlea-Implantat trägt – und dass wir erst mit zwei Jahren festgestellt haben, dass sie taub ist, obwohl sie es schon von Geburt an war. Eine lange Reise, die mich sehr geprägt hat: In unserer Familie war das vorher kein Thema, niemand war gehörlos. Und ich habe gemerkt, wie viele Fragen da aufkommen – und wie wenig viele Menschen über Gehörlosigkeit oder das Cochlea-Implantat wissen. Daraus entstand erst ein Kurzfilm, und schließlich Stille ist ein schönes Geräusch.
Also eine ganz persönliche Motivation durch Ihre Schwester und Ihre Familie?
Ja, vor allem, weil ich damals selbst noch ein Kind war. Ich war acht, als meine Schwester geboren wurde, und zehn bei der Diagnose. Ich habe gar nicht verstanden, warum alle Erwachsenen plötzlich so traurig waren. Aus meiner kindlichen Perspektive war sie doch noch genau dieselbe. Sie hat sich nicht verändert – warum also die Traurigkeit?
Ich glaube, Erwachsene sehen oft eher das, was vermeintlich fehlt. Ich habe das nie so empfunden. Meine Schwester hatte nichts, was ihr wehgetan hat. Ihr hat einfach nichts gefehlt. Was mich später besonders beschäftigt hat, war diese Mitleidsreaktion von außen. Ich dachte dann immer: Warum denn Mitleid? Das war auch einer der Gründe, warum ich zeigen wollte: Man sollte den Menschen als Ganzes sehen – wie es Melanie im Film ausdrückt.
Gab es eine Szene beim Dreh, die Sie besonders berührt hat?
Da gab es viele. Was mich besonders bewegt hat, war der Mut der Protagonisten. Wie offen sie waren – zum Beispiel Pinas Eltern, die ehrlich erzählen, wie schwer es war, die Behinderung ihrer Tochter zu akzeptieren. Oder Tamia, die tanzen möchte, obwohl ihre Mutter erst dachte, das sei nicht möglich. Und dann macht sie es einfach und zieht das durch.
Mich hat berührt, dass alle Eltern letztlich denselben Wunsch haben: dass ihr Kind glücklich wird, Freunde findet, seinen Platz in der Welt. Auch Pina hat mich sehr berührt – sie erinnerte mich so sehr an meine Schwester, als sie klein war. Diese starke Mimik, die Körpersprache – das war wie eine Zeitreise.
Und Romeo! So reflektiert, so klug, so voller Ausdruck – über ihn könnte man einen eigenen Film machen. Ich wünsche mir sehr, dass er gesehen wird.
Neugierig geworden?
Das vollständige Interview mit Nathalie Lamb findet ihr in der aktuellen Ausgabe unseres KUCK-Magazins 62.
Jetzt als PDF herunterladen und reinschauen!
Mehr zum Film
Den Film "Stille ist ein schönes Geräusch" seht ihr aktuell auf KIK-TV, immer donnerstags zur Primetime.
Weitere Infos zum Filmprojekt gibt’s auch in unserem Beitrag:
Neu auf KIK-TV: Stille ist ein schönes Geräusch