„Das Staunen hält uns lebendiger"

Was hat Staunen mit Naturwissenschaft zu tun? Und warum ist es so wichtig, manchmal genauer hinzuschauen? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Prof. Dr. Jens Soentgen im Interview des aktuellen KUCK-Magazins …

© Robert Kneschke / stock.adobe.com
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Professor Soentgen, was verbinden Sie mit dem Wort STAUNEN?

Staunen ist erst einmal nur eine Gemütsregung, dass man über etwas verwundert ist. Eine Haltung, bei der man stutzt, körperlich meist etwas zurücktritt, die Augen ein Stück weit aufreißt und „boah“, „echt“ oder so etwas sagt. Dann schaut man sich die Sache näher an.

Wo oder von wem haben Sie das Staunen gelernt?

Ich glaube nicht, dass man das wirklich lernen muss oder lernen kann. Ich glaube, so eine Fähigkeit, sich zu wundern, bringt schon jeder Mensch mit sich. Es gibt sicher auch Menschen, die sich über gar nichts mehr wundern (lacht). Jedenfalls gibt es Leute, die das immer wieder behaupten. Aber ohne eine gewisse Fähigkeit zu stutzen, kommt man, glaube ich, gar nicht durchs Leben. Ohne Stutzen kann man nicht lernen, da bleibt man auf demselben Niveau, was man einmal gelernt hat. Wenn man hingegen staunt oder sich wundert, dann geht man der Sache auf den Grund. Und diese Lernfähigkeit, glaube ich, ist im Menschen angelegt.

Wie behält man diese Fähigkeit zu staunen?

Dass man ein bisschen Kind bleiben sollte, ist leicht gesagt. Allerdings braucht es schon eine gewisse Beweglichkeit oder überhaupt eine Sensibilität zu merken, dass das, was passiert und wie ich mir die Welt vorstelle, nicht zu meinen Erklärungen passt oder nicht mit meinen Erwartungen kompatibel ist. Insofern kann man das Staunen lernen oder pflegen. Es ist etwas Positives, erstaunt zu sein, dass die Welt viel komplexer oder schöner ist, als man das für möglich gehalten hat. Genau das ist für mich auch ein wesentliches Bildungsziel: diese Fähigkeit aufrecht zu erhalten und zu pflegen.

Über was oder wen haben Sie das letzte Mal gestaunt?

Ich bin ein Naturmensch (lacht). Insofern erfreue ich mich im Grunde an allen Prozessen, die man beobachten kann und wundere mich auch darüber. Das sind oft ganz banale Sachen. Zum Beispiel, dass die Bäume schon im Sommer Knospen tragen. Das ist mir erst kürzlich aufgefallen. Im Herbst denkt man, die Blätter werden gelb und fallen ab – aber nein. Unter den Blättern ist die Knospe. Wenn man so eine Knospe aufmacht, dann sieht man ja bereits das Blatt innen drin. Es muss nur noch wachsen. So etwas hängt für mich mit dem Staunen zusammen. Daher ist es nicht nur ein kaltes, maschinelles Lernen, bei dem man irgendwie feststellt, dass es ein bisschen anders ist, als wir gedacht haben, und daher passen wir den Algorithmus an. Sondern, es ist etwas, das einen persönlich berührt. Deshalb findet man das Erstaunliche auch eher in Geschichten als in ganz rationalen Zusammenhängen.

© Universität Augsburg
Prof. Dr. Jens Soentgen © Universität Augsburg

Macht uns das Staunen zu besseren Menschen?

Wie wir zu besseren Menschen werden, dafür habe ich leider kein Patentrezept (lacht). Ich glaube, es hält uns lebendiger und verhindert, dass unsere Vorstellungen von der Welt und von den anderen Menschen zu sehr verholzen. Wenn wir uns noch über die Menschen wundern können, vielleicht im Guten und im Bösen, dann, so glaube ich, hat man ein realistischeres Bild vom Menschen. Ich würde also jederzeit behaupten, dass das Sich-Wundern oder das Wunder zum Realismus durchaus dazugehört.

Wissen ist heute leicht verfügbar und lässt sich sehr schnell und auf einfachem Wege mittels Internet recherchieren. Birgt diese Fülle die Gefahr, dass wir dazu neigen, nur noch an der Oberfläche zu kratzen?

Sagen wir mal so: Durch die Medien hat man schnell das Gefühl, Bescheid zu wissen. Weil man im Netz schnell mal was suchen und finden kann. Aber wir sehen ja, auch jetzt in der Corona-Pandemie: Teilweise wird da Wissen rausposaunt, wo ich sagen würde, es wäre doch ganz gut, ein bisschen länger nachzudenken. Das Wissen ist eben etwas Kostbares. Es sollte nicht jeder einfach vor sich hin behaupten dürfen, was er zu wissen glaubt. Wissen braucht Zeit zu wachsen und den persönlichen Austausch zwischen Menschen, das kritische Gespräch, den Unterricht durch Personen in der Schule und anderswo, damit es wirklich eine gewisse Tiefe erreicht. Und davon dürfen wir nicht abrücken, gerade in dieser belastenden Situation, in der wir derzeit alle miteinander stecken. Durch die vermeintliche Aufklärung, die die neuen Medien ermöglichen, entsteht letztendlich nur ein Scheinwissen, das zum Teil auch sehr gefährlich ist. Manche halten ein sehr, sehr leicht verfügbares und überaus einleuchtendes Wissen für triftig und hinterfragen es nicht mehr kritisch. Da sehe ich im Übrigen eine wichtige Aufgabe der Bildung, auch der philosophischen Bildung, dass man lernt, darüber nachzudenken und zurückzufragen: Woher weißt du das? Wer sagt das denn? Was bedeutet das? Und weißt du wirklich, was du da sagst? Das halte ich für ganz wichtig, auch als Lehre aus dieser schweren Zeit.

Neugierig geworden? Der vollständige Beitrag samt Interview ist nachzulesen im KUCK-Magazin Ausgabe 55 oder kann hier direkt heruntergeladen werden.

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